
Wieder zum Leben erweckt
Wenn dieses Uhrwerk sprechen könnte, würde es erzählen von einer Zeit, als es in der stolzen Villa Rücker im damaligen Hamburger Nobelviertel Hamm stand. Es würde erzählen, wie es thronend auf einem fast drei Meter hohen Mahagoni-Korpus der wohlhabenden Familie Merck-Rücker mit besonderen Klängen stetig die Uhrzeit anzeigte. Und dass es aus der Manufaktur von Christian Ernst Kleemeyer (1766–1812) stammt, einem über die Grenzen Deutschlands hinweg bekannten Uhrmacher, der selbst das Schloss Sanssouci mit seinen Unikaten belieferte. Das Uhrwerk würde davon berichten, wie das herrschaftliche Haus 1909 abgerissen wurde, man aber den Großteil des kostbaren Inventars bergen konnte, um später im Museum für Hamburgische Geschichte an das ehrwürdige Zuhause der Familie Merck-Rücker zu erinnern.
Fehlendes Budget für „größere Brocken“
Das Museum, am Holstenwall gelegen, ist geschlossen. Es wird bis 2028 baulich saniert. „Alles wird modernisiert, auch die Dauerausstellung“, berichtet Bianca Floss. „Der verstaubte Charme weicht einem Hauch des neuen Jahrhunderts“, sagt sie voller Vorfreude. Kostenfaktor insgesamt: 101 Millionen Euro. Bianca Floss leitet den Fachbereich Restaurierung des Museums für Hamburgische Geschichte. Sie hat ein Jahresbudget zur Verfügung, mit dem sie gut haushalten muss. Die Instandsetzung von „größeren Brocken“ sei da nicht drin. Ein solcher Brocken ist die Dielenuhr, mit ihren rund 100 Kilogramm ist sie wahrlich ein historisches Schwergewicht.
Dafür ist die Restauratorin für Gemälde und gefasste Oberflächen auf Spenden angewiesen, von Menschen, die ein Herz für Museen und ihre Exponate haben. Dr. Renate Hauschild-Thiessen war eine solche Liebhaberin. Als profilierte Hamburg-Historikerin kannte sie sich zudem gut aus. Seit 2015 unterstützten sie und ihr Mann mit der F.R.H.-Th. Stiftung das Museum. Mal erstrahlte dank ihr eine große Herakles-Skulptur in neuem Glanz, mal wurde ein Puppenhaus liebevoll restauriert. Und jetzt die Standuhr. „Meine Frau hätte sich darüber ganz besonders gefreut“, ist sich Fritz Hauschild sicher, der das Stiftungserbe seit ihrem Tod im Jahr 2020 allein weiterführt.
Alle Exponate an einem geheimen Ort
„Wir mussten lange nach einem Restaurator suchen, der das historische Flötenspielwerk wieder zum Laufen bringen kann“, erzählt Bianca Floss. „Der war ganz aus dem Häuschen, diese Arbeit machen zu dürfen!“ Der Korpus wurde ebenfalls wieder in Schuss gebracht. Vorsichtig zusammenmontiert, wartet die Dielenstanduhr nun – wie die meisten anderen Exponate auch – in einem Museumsdepot darauf, bald wieder in das Haus am Holstenwall einziehen zu dürfen. „Im zweiten Obergeschoss werden wir zwei Räume des Landhauses Rücker mit der originalen Raumausstattung integrieren.“ Die Restauratorin schwärmt: „So etwas macht man in seinem Berufsleben nur einmal.“